Beim Einkaufen die Welt retten?

Täglicher Spießrutenlauf für die bewusste Konsumentin beim Einkauf von Lebensmitteln: Die Zutatenliste auf Palmöl überprüfen. Auf Gütesiegel achten. Herkömmliche Eier aus Bodenhaltung? Nicht genügend. Und dann wäre da noch die Plastikverpackung…

Immer mehr Konsumenten legen beim Einkauf Wert auf Nachhaltigkeit – und es wird immer schwieriger, alles richtig zu machen. Nicht jede/r hat die Zeit und Muße, sich im Gütesiegeldschungel zurecht zu finden, nicht selten fehlt es an Umweltbildung.

Bei manchen ist das Geld so knapp, dass teurere Bio- und Fairtrade-Produkte tatsächlich einen Unterschied machen. Bio-Eier kosten doppelt so viel wie konventionelle Eier aus Bodenhaltung, Bio-Fleisch ist sogar bis zu drei mal teurer als herkömmlich produziertes. Bleiben also nur Kompromisse oder Verzicht. Aber: Ist das fair?

Susanne Wolf, Lesung Bad Ischl

Ein weiteres Beispiel für diese Schieflage ist die Modeindustrie. Mode wird immer billiger produziert und findet in immer kürzer werdenden Abständen ihren Weg in die Geschäfte. Neben der Ausbeutung von Arbeitskräften ist die Modeindustrie einer der größten Klimasünder. Fair produzierte Mode bleibt dagegen eine oft unerschwingliche Nischenware. „Es müsste gesetzliche Rahmenbedingungen geben, die einen Anreiz bieten, nachhaltiges Unternehmertum zu fördern“, sagt Lisa Muhr, Gründerin des fairen Modelabels „Göttin des Glücks“. „Die versteckten Kosten, die ein Produkt verursacht – wie Schäden an der Umwelt oder an den Menschen – müssten zwingend in den Verkaufspreis mit einberechnet werden.“ 

Wie kommt es also, dass wir Konsumenten alleine für die Weltrettung verantwortlich gemacht werden? Es ist üblich geworden, mit dem Finger auf jene zu zeigen, die sich nicht genug Mühe geben, die Fleisch essen oder in den Urlaub fliegen.

Doch wenn alle Produkte auf eine Weise produziert würden, die Rücksicht auf Natur und Tiere nimmt, wenn klimaschädliche Aktivitäten wie das Fliegen endlich besteuert würden, sähe alles anders aus. Dann würden wir von mächtigen Wirtschaftsbossen nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden. Das Fleisch käme von artgerecht gehaltenen Kühen und Schweinen und wir würden es, so wie früher, wertschätzen und nicht täglich essen. Nachhaltige Produkte wären günstiger als ausbeuterisch produzierte. Wir würden das Fliegen automatisch reduzieren, weil es schlichtweg zu teuer wäre – und es gäbe klimafreundliche und günstige Alternativen. Doch wir spielen das Spiel der Mächtigen mit: Die Frage, ob ein neues Smartphone wirklich notwendig ist oder ob wir es noch verantworten können, Kinder in diese Welt zu setzen, gerät zur Schlammschlacht.

Susanne Wolf, Journalistin und Autorin, Mutter zweier Kinder

Hören wir auf, unsere Energie mit diesem Machtkampf zu verschwenden und richten wir unsere Kritik lieber gegen die großen Konzerne, die unsere Wirtschaft steuern und Politiker, die sich dieser Wirtschaft unterordnen. 

Gerade jetzt, in der Corona-Krise wird klar, wohin die Reise geht: Die Reichen werden noch reicher und die Mächtigen noch mächtiger. Amazon-Chef Jeff Bezos wird dank gestiegener Umsätze während des Lockdowns bald zum ersten Dollar-Billionär. Gleichzeitig warnen die Vereinten Nationen davor, dass sich die Zahl der unterernährten Menschen wegen der Corona-Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen weltweit fast verdoppeln könnte. 

Wenn wir also wirklich etwas verändern wollen auf dieser Welt und in diesem Wirtschaftssystem, wird es nicht ausreichen, nachhaltige Produkte zu kaufen und mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die das nicht tun. Vielmehr können wir uns zusammentun, protestieren. Erkennen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Druck machen auf Politiker und Unternehmen und aufstehen gegen ein System, das aus reiner Geldgier unseren Planeten zerstört – und die Gesellschaft spaltet.

Machen wir uns immer wieder bewusst, dass wir mündige Bürger sind – und keine Marionetten von Politik und Wirtschaft.

Susanne Wolf, Journalistin und Autorin, Mutter zweier Kinder. Bei ihrer Arbeit legt sie Wert auf einen lösungsorientierten Zugang, der Mut macht und zur Eigeninitiative anregt. Aktuelles Buch: Zukunft wird mit Mut gemacht https://www.konsument.at/zukunft-mut

https://susanne-wolf.com

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